Ein gutes Beispiel

Aufrufe: 50

Interview mit Lars Baumgart
(Savoy Kinoverein, „Kulturforum Altes Kino“ in Schönberg, 17.01.2020)

Zweiter Vorsitzender des Savoy Kinovereins Bordesholm Lars Baumgart zu Gast beim Kulturverein Probstei

Schönberg. Seit Jahren steht das denkmalgeschützte Hotel „Stadt Kiel“ leer. Dabei ist es eines der ältesten und unbestritten schönsten Häuser am Marktplatz des Ostseebads Schönberg. Nun setzt sich der Kulturverein Probstei für den Erhalt des Gebäudes und dessen künftige Nutzung als Kulturzentrum und Bürgerhaus für alle ein. Kürzlich trafen sich die Vereinsvorstände Erika Beckmann-Vorberg, Rüdiger Penthin und Vereinsmitglied Kay-Christian Heine mit Lars Baumgart. Er ist 2. Vorsitzender des Savoy Kinovereins Bordesholm und engagiert sich seit dessen Gründung im Jahr 1998 für Erhalt und Betrieb eines rund 70 Jahre alten Lichtspieltheaters. Zwar seien, darüber waren sich die Gesprächspartner einig, das Savoy Kino und ein künftiges Kulturzentrum „Hotel Stadt Kiel“ nicht direkt vergleichbar. Aber es gebe Erfahrungen des Bordesholmer Kinovereins, die dem Kulturverein Probstei bei seinem Engagement für ein Schönberger Kulturzentrum Mut machen und helfen könnten, glaubt Lars Baumgart.

 

 

  1. Kulturverein Probstei: Herr Baumgart, welchen Eindruck haben Sie vom Hotel „Stadt Kiel“?Lars Baumgart: Ich bin eben auf dem Weg vom Parkplatz hier herüber nur schnell daran vorbei gelaufen und es ist dunkel. Aber das Haus springt einen in seiner Schönheit ja geradezu an, es passt in das Ensemble am Marktplatz und sollte unbedingt erhalten bleiben.
  2. Wann hat der Savoy Kinoverein Bordesholm das alte Lichtspieltheater übernommen?Das war im Jahr 1998, nachdem die Bordesholmer Gemeindevertretung sich mit der Frage an die Bürger gewandt hatte, ob sie das Kino erhalten wollen. Der Betreiber hatte den Betrieb aufgegeben, weil sich das Kino nicht mehr lohnte. Die Bordesholmer wollten es, es gab verschiedene Ideen und letztlich hat sich unser Verein mit seinem Konzept Kino – Konzert – Theater durchgesetzt. Eintrittsgelder aus Theater- und Musikveranstaltungen sollten die fehlenden Kino-Umsätze ausgleichen. Allerdings hatten wir von Kino anfangs überhaupt keine Ahnung. Wir bekamen Starthilfe vom vorherigen Betreiber, der das Kino von der Gemeinde gepachtet hatte, und einem seiner Filmvorführer. Der Rest war Learning by Doing.
  3. In welchem Zustand war das Haus, als der Verein es übernommen hat?Ziemlich schlecht. Es waren viele Sanierungen nötig, am Dach, im Foyer und Sanitärbereich etwa, später kamen eine neue Bestuhlung und ein Tresen im Stil der 1950er-Jahre dazu. Die Gemeinde hat das überwiegend aus EU-Fördermitteln finanziert.
  4. Gibt es aus Ihrer Sicht Parallelen zu Schönberg?Ein direkter Vergleich ist schwierig. Zum einen ist das Savoy Kino ja programmatisch ganz anders ausgerichtet als es das Hotel „Stadt Kiel“ wohl sein würde: Wir spielen rund 300 Veranstaltungen im Jahr, zwei Drittel davon sind Kino-Vorführungen, ein Drittel teilen sich Theater und Konzerte. Zum anderen mussten wir die Gemeinde nicht erst überzeugen, das Haus zu kaufen – es gehört ihr sowieso seit den 1950er-Jahren.
  5. Wie schätzen Sie die Möglichkeiten eines Hauses wie das „Stadt Kiel“ als Kulturzentrum in einer Gemeinde wie Schönberg ein?Das Hotel hat einen großen Vorteil gegenüber dem Savoy Kino: Der Saal hat keine feste Bestuhlung, ist deshalb vielseitig für alle möglichen Veranstaltungen geeignet und an deren Größe anpassbar: Das Publikum fühl sich wohl, wenn nicht zu viele Plätze frei bleiben und es sich andererseits nicht drängeln muss. Und der Kulturverein Probstei könnte, denke ich, an die großen Veranstaltungen von „Schönberg kulturell“ anknüpfen, müsste sich also nicht erst ein Publikum ganz neu erspielen.
  6. Gibt es Gastronomie im Savoy Kino?Die ständige Bewirtung fehlt uns manchmal schon. Zwar haben wir eine eingeschränkte Schanklizenz für den Tresen. Wir dürfen damit aber neben Getränken nur verpackte Snacks wie etwa Schokoriegel verkaufen. Den Tresendienst während der Veranstaltungen macht der Verein selbst, die örtliche Gastronomie hat damit nichts zu tun. Gerade an lauen Sommerabenden vermisst das Publikum nach einem Kinoabend die Möglichkeit, anschließend noch ein wenig länger sitzen zu bleiben. Eine komplette Gastronomie wollen und können wir aber nicht unterhalten. In Schönberg hätten Sie eine komplette Hotelküche im „Stadt Kiel“ – wenn Sie die im Rahmen von Catering-Aufträgen an örtliche Gastronomen für bestimmte Veranstaltungen nutzten, bräuchten sie keine Schanklizenz und könnten dem Publikum trotzdem etwas bieten.
  7. Reichen die Eintrittsgelder, um die Finanzierung zu sichern und den Savoy Kinoverein finanziell unabhängig zu machen? Bekommt der Verein regelmäßige Förderung?Jein. Zwar gibt es keine gemeindlichen Haushaltsmittel für Personal und Programmförderung, aber wir bezahlen weder Pacht noch Energiekosten. In Bordesholm gibt es kommunale Energieversorger, die uns kostenlos beliefern und die Gemeinde erfüllt vorbehaltlos ihre Pflichten als Verpächter. Weil das so ist, können wir die Eintrittsgelder so niedrig halten, dass sich auch Familien problemlos einen gemeinsamen Kinoabend leisten können. Das soll auch so sein und so bleiben. Da wir aber die Kosten des Programms, alle Gagen, Honorare und auch unsere Personalkosten eigenständig aus unseren Umsätzen generieren, ist der Verein insgesamt schon sehr unabhängig in seinen Entscheidungen und hat auch finanziellen Spielraum für eigene Investitionen in Technik und Ausstattung.
  8. Wie haben Sie das geschafft?Wir brauchten einen langen Atem, um erfolgreich zu sein. Mit den Jahren hat uns die Erfahrung gelehrt, was ankommt: Im Kino etwa zeigen wir eine Mischung aus Mainstream, Arthouse und Programmkino, Blueskonzerte laufen gut, Niederdeutsches Theater und Comedy auch. Inzwischen bieten uns Agenturen namhafte Künstler an. Es hat aber etwa zehn Jahre gedauert, bis wir alles richtig gemacht haben.
  9. Kriegen Sie das alles ehrenamtlich hin?Anfangs schon, das ging nicht anders. Inzwischen beschäftigen wir zwei Bürokräfte in Teilzeit und bezahlen professionelles Reinigungspersonal. Die Überschüsse decken das.
  10. Was raten Sie dem Kulturverein Probstei für den Kulturbetrieb im Hotel „Stadt Kiel“?Oh, das ist schwierig, weil ich die Strukturen in Schönberg nicht kenne. Wie schon angedeutet, sollten die Gemeinde und der Verein sich gegenseitig Zeit zugestehen, um den Betrieb zu entwickeln und aus Erfahrung zu lernen. Und der Kulturverein Probstei sollte den Erwerb des Hauses durch die Gemeinde als Auftrag verstehen, Kultur für alle Bürger von Kindern bis zu den Senioren zu machen, nicht nur für bestimmte Zielgruppen. Denn wer erst einmal zu einer Veranstaltung ins Kulturzentrum gekommen ist, wird bestimmt zu einer anderen Veranstaltung wiederkommen. Ganz sicher würden anfangs Fehler gemacht, das ist doch normal. Die müssen von Gemeinde und Kulturverein einander verziehen werden. Eine gute Grundlage ist, Veranstaltungen von Beginn an so zu kalkulieren, dass sie sich tragen. Wir haben in Bordesholm Formate entwickelt, die lange vorher ausverkauft sind. Und: Sie brauchen ein verlässliches Büro mit festen Ansprechpartnern für die gesamte Organisation, das ist wichtig.
  11. Es gibt beim Amt Probstei eine Kulturabteilung…… super, das sind Kulturprofis. Vielleicht können Sie bei der Organisation von Veranstaltungen mit der Kulturabteilung zusammenarbeiten und bekommen von Gemeinde und Amt auch Unterstützung bei der Einwerbung von Fördergeldern.
  12. Sehen Sie neben den Kosten auch Vorteile für die Gemeinde, wenn aus dem Hotel ein Kulturzentrum und Bürgerhaus würde?Ja, zum Beispiel hätten Vereine und Verbände eine neue Heimat für Versammlungen, Probenabende, Konzerte und Aufführungen. Ich denke da an die Landfrauen, Theatergruppen, Gesangsvereine und so weiter. Die Öffnung des Hauses für alle würde die Vernetzung in der Gemeinde und der Region stärken, der Kulturverein könnte als Veranstalter Kooperationen eingehen und sich so breit aufstellen. Die Gemeinde würde mit dem Erwerb des Hotels als Kultur- und Bürgerzentrum also viel bessere Bedingungen als bisher schaffen, das kulturelle Leben attraktiver zu gestalten – und könnte sogar noch die Aufgaben, die daran hängen, an den Kulturverein Probstei delegieren, der das ehrenamtlich erledigt. Das ist doch ein großer Wert für das gemeindliche Zusammenleben.
  13. Wie ist die Akzeptanz des Savoy Kinovereins bei Bürgern und in der Gemeindevertretung?Klare Antwort: Sehr gut. Das rührt natürlich auch daher, dass die Gemeinde anfangs kein Geld investieren musste: Das Haus gehörte ohnehin ihr und die Sanierungskosten waren durch Fördergelder gedeckt. Inzwischen haben wir als Kinoverein aber bewiesen: Wir können es.